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Projet
Goût
Für den bekanntesten französischen Gastronomen
Anthélme Brillat-Savarin bedeutet „jemanden einzuladen, sich
um dessen Glück zu kümmern und zwar während der gesamten
Zeit, die der geladene Gast im Haus verbringt“.
Das ist es, was wir während der Veranstaltungsreihe zum „projet
goût“ versuchen wollen, die in der Maison de France stattfindet
und die Frucht einer Zusammenarbeit mit der Akademie für Bildende
Künste der Johannes Gutenberg-Universität ist. Lassen Sie sich
verführen von dem breitgefächerten Programm, das alle Geschmäcker
zu befriedigen vermag und in dem die Gastronomie ganz nach französischer
Tradition einen Ehrenplatz einnimmt.
Isabelle Berthet
Direktorin | Maison de France Mainz
Revolutionen des Geschmacks
Im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgerufenen „Jahr
der Geisteswissenschaften“ liegt es nahe, die Johannes Gutenberg-Universität
mit einem Projekt an die Öffentlichkeit treten zu lassen, das möglichst
viele Disziplinen zusammenführt und deren Beiträge nicht auf
dem Campus, sondern mitten in der Stadt präsentiert. Und welcher
Ort wäre da beim Thema „Revolutionen des Geschmacks“
besser geeignet als der schöne Salon im Hause Frankreichs, des Landes,
das wir bis heute vor allem mit der Geschichte des „guten Geschmacks“
verbinden?
Diese Kulturinstitution ist großzügigerweise fünf Wochen
lang Gastgeberin von Veranstaltungen, die Denken und Wahrnehmung auf möglichst
sinnfällige Weise miteinander verschränken und dabei Theorie
durch ästhetische Praxis ergänzen sollen, zeichnet sich doch
unsere Universität in Deutschland vor allen anderen dadurch aus,
daß hier eine Akademie für Bildende Künste und eine Hochschule
für Musik mit den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen
unmittelbar kommunizieren können. Dabei versteht sich die Kunsttheorie,
die das Projekt zusammen mit der Maison de France in Mainz und dem Istituto
Italiano di Cultura in Frankfurt auf den Weg gebracht hat, als interdisziplinäres
Forum, das im Interesse grenzüberschreitender Philosophie und Kulturgeschichte
zwischen Bereichen Brücken zu schlagen versucht, die auf den ersten
Blick weit voneinander entfernt
zu sein scheinen, etwa wenn ein Physiker, der sich der Molekularküche
widmet, auf einen Archäologen trifft, der kulinarische Relikte der
Vor- und Frühgeschichte untersucht, oder auf einen Schauspieler,
der uns rhetorisch eindringlich die Ungenießbarkeit futuristischer
Rezepte vorführt. Daß Anfang des Jahres der spanische Meisterkoch
Adrià als einer der ersten Künstler zur kommenden Documenta
in Kassel eingeladen wurde, bestärkt uns in der Vermutung, daß
es gute Gründe gibt, die Geschmacksdebatte erneut mit ihrem Ursprung
zu konfrontieren und gerade hier in Mainz daran zu erinnern, daß
der auf so bittere Weise ruhmreich mit der Geschichte der Stadt verbundene
Revolutionär Georg Forster mit seinem Essay „Leckereien“
nicht nur für politische sondern auch für kulinarische Aufklärung
sorgen wollte. Nahezu zeitgleich sprach ein Theologe der Romantik von
der Religion als „Geschmack am Unendlichen“ und demonstrierte
damit, wie weit sich der Begriff inzwischen von seinen Ursprüngen
entfernt hatte.
Radikal in Frage gestellt wird er demgegenüber von seiten der modernen
Kunst, die - mit den Worten des russischen Avantgardisten Majakowski -
dem „öffentlichen Geschmack eine Ohrfeige“ verpassen
möchte und – wenn überhaupt - lieber mit Ekelgefühlen
experimentiert als denjenigen nachfolgt, die bestimmte aristokratische
oder großbürgerliche Normen des Geschmacks zur Errichtung sozialer
Schranken und zum „Erwerb kulturellen Kapitals“ einsetzen.
So jedenfalls umschreibt Pierre Bourdieu als einer der führenden
Soziologen des 20. Jahrhunderts den bis heute andauernden Streit um „feine
Unterschiede“.
Es gibt also genug Stoff für lebhafte Diskussionen. An dieser Stelle
möchte ich Isabelle Berthet, Catherine Colas und Tanja Labs für
die hervorragende und stets inspirierende Zusammenarbeit bei der Vor-bereitung
des Projet Goût herzlich danken, aber auch all denjenigen, die den
Schauplatz als Akteurinnen und Akteure – sei es der Wissenschaften
oder der Künste – durch ihre Beiträge mit Leben erfüllen
und dadurch sicherlich dazu beitragen, die Verbindungen zwischen der Universität,
der Stadt und dem Land, den kulturellen Institutionen und der Bevölkerung
noch enger zu gestalten, als sie bisher schon sind.
Für großzügige Unterstützung danke ich Giorgio A.
Di Pretoro vom Italienischen Kulturinstitut in Frankfurt, dem Kultursommer
Rheinland-Pfalz e.V. und seinem künstlerischen Leiter Jürgen
Hardeck, dem Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft und schließlich
allen Helfern und Sponsoren, die das projet goût auf die eine oder
andere Weise fördern, – nicht zuletzt durch weinhaltige kulinarische
Flankierungen reiner Kunst und Theorie.
Prof. Dr. Jörg Zimmermann
Akademie für Bildende Künste der Johannes Gutenberg-Universität
Mainz | Kunsttheorie
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